Zu Ihr Zugvögel

2019 war es. Da habe ich mein Album „Wir Zugvögel“ veröffentlicht. Zuggespräche, in Songs gegossen. Songs so verschieden in ihrer Ausschmückung, so verbunden in ihrer Sehnsucht nach dem Ankommen und dem Weiterziehen.
Wir Zugvögel. Ein Wortspiel einerseits. Eine Parallele, ein Sinnbild andererseits.

Die geplante Reise zu den Kranichen findet damals nicht statt. Der Wunsch tief und ungeduldig in mir bis zu diesem Herbst 2021. Da ziehe ich endlich los. Freudig aufgeregt wie ein Kind, begleitet auch von der Angst vor der Enttäuschung.

Der Kranich. Vogel des Glücks.
Ob wohl genug Glück für uns alle da ist?

Die Erwartungen ziemlich hoch. Vielleicht sogar höher noch als dieser Aussichtsturm vor mir. Ein paar Männer mit großen Kameras und langen Objektiven geben Grund zur Hoffnung, einer Hoffnung, die in mir zu kribbeln beginnt wie das Gefühl in der Nase kurz vor dem Niesen. Der Blick aufs Moor geheimnisvoll. Der Blick in den Himmel noch, sagen wir, bedeutungslos. Zum Sonnenuntergang landen sie hier, habe ich im Internet gelesen. Was das genau bedeutet, auch für meine Ungeduld, kann mir das Internet nicht sagen.

Mal am heißen Ingwertee nippen. Wird doch ein bisschen ungemütlich mit der Zeit. Gelegenheit, mit meiner roten, in die Jahre gekommenen Nikon zu experimentieren, die mir fast ein bisschen peinlich ist vor den Männern mit dem großen Besteck.

Und wenn dieser Turm nicht jener Ort der Andacht ist, für die ich gekommen bin? Ich klettere wieder hinunter, mit mir die Sonne und vielleicht auch ein bisschen die Erwartungen.
Wobei: Der Betrieb am Himmel nimmt Fahrt auf.
Nehmts mir nicht krumm, liebe Gänse. Ihr seid auch schön. Und eure Schwärme, wenn auch nicht allzu elegant, durchaus eindrucksvoll. Nur schwärme ich heute Abend eben für…Kraniche!

Da sind Kraniche!

Lange Beine im Vergleich zu den Gänsen. Ruhige, kraftvolle Flügelschläge. Aufgeräumte, pfeilsichere Formationen. Erhabenheit. Ungreifbar. Und ich ergriffen.

Die eine Formation schweigt. Die andere gibt Laute von sich. Laute, die von der Reise erzählen. Von der Perspektive. Von der Weite. Von der Landung – heute Abend irgendwo in diesem Moor, wo der Fuchs nicht Gute Nacht sagen kommen kann.

Nicht in der Unzahl wie im Fernsehen. Aber in einer Intensität, die mein Herz auf die wohltuendste Weise durchdringt.

Ich fühle mich an diesem Ort, an dieser Stelle verändert. Die Kraniche im weiten Abendhimmel über mir, sie brauchen mich nicht. Und doch haben sie sich mir geliehen, nah genug sogar für meine kleine Kamera.

Vögel des Glücks. Glück des Menschen, wenn der Boden zu tief und der Himmel zu hoch geworden sind.