Zu Alles, was du brauchst, ist da

2013. 32 und immer näher an mir dran. Ich wohne für mich, habe mir mein sogenanntes Single-Dasein ähnlich wohlig zusammengestellt wie ich mir meine kleine Wohnung, mein geliebtes Nest auf der Brauerstraße eingerichtet habe. Pittoresque sagt meine Freundin Ursula dazu bei einem Kaffee in meiner blauen Küche. Im dritten, im obersten Stock nur das Dach, der Himmel über mir und zugleich die Welt zu meinen Füßen: Von der Umtriebigkeit meiner Band und ihrer erdrückenden unternehmerischen Verantwortung schweren Herzens gelöst, um nun in verheißungsvoller Leichtigkeit kreativer, unendlicher Möglichkeiten tollen zu können. Befreit auf mich zurückgestellt. Als hätte ich es geahnt.

Nahezu täglich saugt es mich nach draußen zur Erkundung, bin ich angehende Spezialistin für die Lichtbegebenheiten am Abend: wann die Sonne wo in Duisburg mit dem schönsten Anblick streichelt. 
Das Joggen, das Spazieren als Ausflugsgeschehen, stets mit Smartphone in der Hand für den Musikgenuss und das Sammeln von Momentaufnahmen. Die Wahrnehmung nach innen gestülpt für das Empfangen von Ideen, für das Auflösen lebensbedingter Knoten und zugleich ins Außen ausgestreckt für das, was um mich ist. 
Nicht selten folgen auf das Geschehen in meinem Innen so Entdeckungen im Außen. Antworten.

„FAR“ fällt mir auf, immer wieder. Zumeist schwarz auf Wände gekritzelt, manchmal gesprüht, in seltenen Fällen künstlerisch farbig. 75 davon entdecke ich im Laufe meines mich In-Duisburg-Bewegens über die Stadt verteilt. Bald zur Schatzsuche geworden, wird jedes Mal ein Foto gemacht. Wie von den Handschuhen, die ich allerorts entdecke, wobei ich es bei denen irgendwann auf über 800 verlorene Singles bringen werde.

„FAR“. Initialen? Kürzel? Eine verschlüsselte Botschaft?

Ich denke an „weit“. Bin ich weit gekommen? Wie weit ist der Weg vor mir?

Meine Mutter ergänzt solche Überlegungen durch Goethe. Warum in die Ferne schweifen?
„FAR“ wäre dann ein Stupser, mich zu erinnern, dass das Glück immer irgendwie da ist. Glück. Ein großes Wort. Ein unpräzises noch dazu. 
Ich einige mich auf: Es muss ja nicht immer das Glück sein. Ein Glück würde mir schon reichen. Es könnte darin bestehen, dass immer genau das in der Nähe ist, was ich gerade brauche. Für mein künstlerisches Wirken einerseits. Für mein Zurechtfinden andererseits in jener Welt, die mir zu Füßen liegt und manchmal auf die Füße fällt. Wenn die Einkünfte auf sich warten lassen. Wenn meine Übereinkunft mit dem Leben auf die Probe gestellt ist.

Als Menschen davon hören, dass ich mich mit „FAR“ beschäftige, tun sie das, was sie fast immer tun. Sie sagen: „Schreib doch einen Song darüber.“ Was sie nicht wissen: Das lenkt mich eher davon ab, es zu tun. Vielleicht, weil es sich dann so anfühlen würde, als würde ich es für sie tun. So ist es auch dieses Mal. Vorerst.

Es muss ein bisschen Zeit vergehen. Zeit, in der ich immer weniger weg will und immer mehr in Duisburg bleibe. Ich erlebe, dass immer besser gefunden und umsorgt werden kann, wer nicht weg-, sondern entgegengehen kann. Einem Glück. Dem Leben. Dem nächsten Song, der geschrieben werden will. Und dann auch geschrieben wird.

Die Aufnahme kurz nach dem Komponieren lasse ich in meiner digitalen Schublade verschwinden. Vielleicht fühle ich mich einer Veröffentlichung noch nicht gewachsen. Vielleicht habe ich Sorge, der Text könnte zu schlicht anmuten gemessen an seinem Geburtsgewicht. Vielleicht will ich ganz sicher sein, dass ich weiß, wovon ich singe: „Warum in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah. Klar, manche Dinge müssen reifen, doch alles, was du brauchst ist da-da-da-da-da-da.“

Neun Jahre später. Jahre, in denen der bauchgefühlig verfasste Songtext an Tiefe und Wahrheit gewinnt. Für mich wie auch mein Publikum, wenn ich ihn beispielsweise im festlichen Rahmen einer Einschulung aufführe.

Neun Jahre später, im Innenhafen einer unerwarteten Liebe angekommen, die Brauerstraße ins Fotoalbum meiner Entwicklung geklebt als Momentaufnahme, als Zeit des Erwachsenwerdens und Vertrauenfassens, scheint eine Veröffentlichung mit einem Mal wie etwas, das ich längst hätte tun sollen. Was solls. Ins Jetzt geschweift und aufs Neue gesungen.

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