Lesetipp: Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann

War ich vor der Lektüre dieses Buchs ein erklärter Senta Berger Fan? Nein, denn ich kannte schlichtweg zu wenige ihrer Filme und wusste zu wenig über sie und ihr Wirken als Schauspielerin. Gelesen habe ich ihre Biografie „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann: Erinnerungen“ (erschienen 2006 bei Kiepenheuer&Witsch), weil sie mir ans Herz gelegt wurde. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil.

Lernen wir zunächst ein Mädchen kennen, das den Auswirkungen des 2. Weltkriegs ausgesetzt ist (Was bedeuten diese Jahre für Sentas Familie, für ihr geliebtes Wien?), sind wir schon bald beeindruckt von der Geradlinigkeit, die die pubertierende Senta an den Tag legt. Als ihre Karriere beim Fernsehen erste Gestalt an- und schließlich Fahrt aufnimmt, bleibt uns nur noch das Staunen. Über das Durchhaltevermögen, mit dem sie Herausforderungen jeglicher Art annimmt. Über die – weitestgehend männlichen – Größen aus der Filmindustrie, mit denen sie es zu tun bekommt. Über die Ehrlichkeit, mit der sie von den Übergriffen durch eben diese berichtet. Ganze 10 Jahre vor dem, was 2017 als MeToo-Bewegung bekannt werden wird, erscheinen ihre nüchternen und umso mutigeren Schilderungen wie deren Vorboten.

Doch Senta Berger ist zu keinem Zeitpunkt Opfer – nicht in dem Sinn, dass sie sich klein machen lässt. Ganz im Gegenteil. Sie wächst stetig über sich hinaus. Steht auf, immer wieder. Eine Biografie, die bis Hollywood führt – wer meistert sowas skandal- und drogenfrei und kann dabei auch noch auf (mittlerweile) über 50 zufriedene Ehe-Jahre zurückblicken?

In all ihrem Leben, Lieben und Lernen dürfen wir Senta Berger auf 336 Seiten folgen, kommen wir ihr nah. Letzteres verdanken wir vor allem ihrer präzisen Erzähl- und Ausdrucksweise mit herrlich authentischen Ausflügen ins Wienerische. Und dann, ja dann können wir nicht anders, als ein bisschen zu ihrem Fan zu werden und uns ermutigt zu fühlen auch auf unserem eigenen Lebensweg.

Eine meiner Lieblingsstellen ist übrigens die, als Senta Berger aus der „Rede über den Schauspieler“ von Max Reinhardt (einem der Gründerväter der Salzburger Festspiele) zitiert:

In den Kindern spiegelt sich das Wesen des Schauspielers am reinsten wieder. Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, ihr Drang zu gestalten ist wahrhaft schöpferisch. Sie wollen die Welt noch einmal selbst erschaffen … das Sofa hier? Eisenbahn … und schon knattert, zischt und pfeift es!
Was ist das? Theater. Idealstes Theater und vorbildliche Schauspielkunst. Und dabei immer das klare Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird. Es ist ein Märchen, dass der Schauspieler die Zuschauer je vergessen könnte. Gerade im Augenblick der höchsten Erregung stößt das Bewusstsein, dass Tausende ihm mit Spannung folgen, die letzten Türen zu seinem Innersten auf.

Es steht zu vermuten, dass „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann: Erinnerungen“ in das Bewusstsein der Menschen rücken wird, wenn die mittlerweile über 80-jährige Senta Berger ihr Leben gelebt hat. Ich wünsche ihr und uns, dass bis dahin noch einige Jahre vergehen werden, und ahne, dass das Lese-Erlebnis ein anderes sein wird, wenn sich erst einmal der Abschiedsschmerz daruntermischt.