Gestern aufgenommen: Nicht irgendein Klavierstück

Mehrere Tage intensiv in Anspruch genommen hat mich seit dem letzten Update die Abschlussarbeit meiner Ausbildung in Mediation. Ein interessanter Zeitpunkt, um sich dem Lösen von Konflikten zu widmen… Das ist nun geschafft und der Weg wieder etwas freier für das Musizieren.

Ich befasse mich gerade mit der Überarbeitung eines Liedtextes. „Gewachsen sein“ ist inmitten der Pandemie entstanden und hat die Male, die ich den Song seit dem aufgeführt habe, große Resonanz hervorgerufen. In Vorbereitung auf die Aufnahmen fiel mir auf, dass mich die Strophen musikalisch noch nicht so recht überzeugten. Also habe ich mich noch mal an Melodie und Rhythmik gemacht. Das hat Änderungen am Text nach sich gezogen – letztlich ein Ausdünnen, auf das ein „Weniger ist mehr“ zutrifft. Im Song ist jetzt mehr Zug drin, finde ich. Gefällt mir bisher deutlich besser. Ich arbeite darauf hin, dass Ihr möglichst noch in dieser Woche einen ersten Höreindruck bekommen könnt.

Bis dahin habe ich ein Klavierstück für Euch im Angebot, gestern Nachmittag aufgenommen. Es ist mehr eine Improvisation als eine Produktion, will heißen: Ich habe mehrere Takes aufgenommen und mich schließlich für diesen entschieden. Die Melodie begleitet mich schon seit einigen Jahren. Irgendwann war sie einfach da und summte aus mir heraus. Und tut das bis heute. Regelmäßig.

Wenn Ihr gleich in die Musik eintaucht, hört Ihr also nicht irgendein Klavierstück. Ihr hört einen Weg- und Reisebegleiter. Einen Alltagsversüßer. Ein Zufriedenheitsventil. Eine Entspannungsübung. Einen musikalischen Freund, der immer für mich da ist. Ich wünsche Euch, dass Ihr auch ein bisschen Freude daran haben könnt in dieser Zeit, in der das mit der Freude so eine Sache ist.

Habt Ihr denn eine Idee, wie wir dieses Stück nennen könnten? Ich tue mich immer so schwer damit, meinen Instrumentalstücken einen Namen zu geben, weil ich – eigene Assoziationen hin oder her – im Grunde genommen gar nicht vorgeben möchte, auf welche Reise sich die Menschen durch die Musik geschickt fühlen. Schreibt mir sehr gerne an die anke@ankejohannsen.de, falls Ihr dazu einen Gedanken oder eine Idee habt. Ich freue mich auf Eure Anregungen!

Anke Johannsen · Saatgut

Noch ein bisschen in Lesestimmung?

Seit geraumer Zeit bin ich Abonnentin der Krautreporter. Ich schätze die unabhängige und besonnene Arbeit dieser Journalist:innen – momentan mehr als je zuvor. Eine davon ist Theresa Bäuerlein, die als Reporterin für Sinn und Konsum schreibt.

Vor ein paar Tagen erreichte mich dieser Newsletter von ihr.

Darin geht es um Empathie. Theresa setzt sich u. a. mit der Frage auseinander, ob wir mit den geflüchteten Menschen aus der Ukraine anders umgehen als beispielsweise mit geflüchteten Menschen aus Syrien oder Afghanistan, und ob das aus rassistischen Gründen der Fall sein könnte. Sie gibt außerdem Einblicke in ihre eigene Gefühlslage und kommt auf ihre Überforderung bei einer Hilfsaktion vor ein paar Tagen zu sprechen. Das schätze ich so sehr an den Krautreportern – dass sie sich auch als Menschen sichtbar machen und ihr Reporter-Sein als eigenes Lernen begreifen.

Da Theresa am Ende Ihres Newsletters nach Erfahrungen ihrer Leserschaft fragt, habe ich ihr geantwortet. Vielleicht steckt was für Euch drin, kam mir danach in den Sinn. Deswegen bekommt ihr hier meine Gedanken in leicht überarbeiter Form. Vorher den Newsletter zu lesen hilft wahrscheinlich, meine Antwort besser zu verstehen.

In den 2010-ern bin ich fünf mal auf Konzertreise im Libanon gewesen. Ich habe den arabischen Frühling in Ägypten von dort aus verfolgt, und ich habe ein Geflüchteten-Lager nahe der syrischen Grenze besucht (und mit den Kindern gesungen) zu einem Zeitpunkt, als uns hierzulande der Krieg in Syrien vergleichsweise wenig beschäftigte.

Zwei der Erkenntnisse, die ich aus diesen Erfahrungen mitgenommen habe:

Zum einen habe ich den Eindruck, dass unsere emotionale Betroffenheit im Umgang mit Nachrichten tatsächlich gekoppelt sein könnte an die Frage, wie betroffen unsere Lebenswirklich von dem jeweiligen Geschehen ist. In manch emotionaler Betroffenheit steckt bei genauerer Betrachtung demnach vor allem unsere Sorge um uns selbst. Das ist dann kein Mitgefühl. Und das wiederum ist ernüchternd. Das ist eine feine, aber wichtige Unterscheidung, finde ich, die in eine ähnliche Richtung deutet wie die Frage, ob wir in unserer medialen Berichterstattung und Reaktion auf die aktuelle Situation rassistisch sein könnten. Es könnte sein, dass wir als Menschen einfach so gestrickt sind, dass wir uns denen näher fühlen, die uns ähnlicher sind. Zugleich bin ich der festen Überzeugung, dass wir uns aktiv darum bemühen können, uns immer wieder ehrlich mit uns und der Welt zu machen, um auf Basis dessen immer aufrichtiger, also bedinungsloser mitfühlen und mit anpacken zu können.

Zum anderen habe ich gelernt, mich selbst im Sinne des Mitfühlens dahingehend zu managen, dass ich Vereinbarungen mit mir selbst treffen kann. Um das Beispiel meines Besuchs im Geflüchteten-Lager im Libanon zu nehmen: Die vielen Kinder, die im Dreck spielten und von Armut gezeichnet waren, hatten das Zeug dazu, mir das Herz zu brechen und mich handlungsunfähig zu machen. Aber meine „Mission“, meine Rolle hatte das Zeug dazu, diesen Menschen Hoffnung zu geben. Augenhöhe. Das Gefühl, dass sie gesehen werden.

Also habe ich mir gesagt: „Anke, was du fühlst ist wichtig, inklusive deiner Bestürzung und Überforderung. Wenn du irgend kannst, parke all diese Gefühle und besinne dich jetzt erst mal auf deine Rolle. Sie wird dir genau die Stärke geben, die du gerade brauchst. Und sobald der Rahmen dafür gekommen ist, widmen wir uns dem, was du gerade fühlst. Denn auch das ist wichtig. Es geht um das Timing.

Vielleicht hast du schon mal von der Apple TV Serie „Das Ich, das du nicht siehst“ gehört oder sie schon gesehen? https://youtu.be/3Yei7VvOFcA

Ich habe das hier gerade noch mal für Dich herausgesucht: In der dritten Folge geht es ca. ab Minute 40 um den Kinderpsychiater Dr. Essam Daod, der bei seiner Arbeit mit geflüchteten, traumatisierten Kindern auf Samos, Griechenland, gezeigt wird. Es gibt eine Szene, in der er auf rührende und eindrucksvolle Weise mit den Kindern arbeitet, um ihnen in ihren Traumata die Hand zu reichen. Kaum verlassen sie das Zelt, bricht er in verzweifelte Tränen aus…um kurze Zeit später wieder stark und ermutigend für die Kinder da zu sein. Es geht um das Timing.

Und, wenn ich das noch hinzufügen darf: Es hilft, wenn wir all die Widersprüchlichkeit in uns zwischen Stärke und Überforderung aushalten und akzeptieren können. Sie macht uns zu Menschen.

P. S.: Wer jetzt immer noch in Lesestimmung ist: Theresa hat vor Kurzem ein Interview mit Judson Brewer über Angst geführt: „Kann ich mir Angst abgewöhnen wie Rauchen?“ ist hinter einer Paywall, kann allerdings mit einem kostenlosen Probeabo gelesen werden.

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