Ein Kleidungsstück aus meiner Kindheit

Ich erinnere mich an ein Kleidungsstück aus meiner Kindheit, bei dem das Wichtigste war, dass es kein Kleid war, sondern ein Stück. Ein Stück Stoff, das als meine Lieblingsbluse begonnen hatte und dann als Taschenfutter einer von Mama genähten Kordhose weitermachen durfte. Wir sprechen von einem rot-weiß-karierten Muster, einem dünnen, verzeihenden Stoff, der sich so viel kindgerechter anfühlte als die vielen anderen Kleidungsstücke, die ich von meinen größeren Geschwistern vermacht bekam. Diese Freude in den frühen Morgenstunden, als Mama mir vor dem Kindergarten präsentierte, welche Verwandlung meine Lieblingsbluse durchlaufen hatte. Die erste Freude: Meine Bluse blieb bei mir, obwohl ich aus ihr herausgewachsen war. Die zweite Freude: Sie war Teil einer Hose, die meine Mutter eigens und nur für mich angefertigt hatte. Eine Hose, die niemandem außer mir gehörte. Und an der nichts so war wie an den Kleidungsstücken der anderen Mädchen, die damals schon wie kleine Frauen herumliefen, während ich einfach da und unterwegs sein wollte als die, die noch im Werden war, die sich nicht festlegen und präsentieren, sondern sein dürfen wollte. Ich erinnere mich, wie besonders, wie bedeutsam, wie aufgewertet, wie geliebt ich mich fühlte, als ich meine rote Kordhose mit den feierlichen Überlebensresten meiner Bluse anzog. Geliebt von Mama. Geliebt vom Leben. Ein Kleidungsstück als Stück vom Glück.

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