Ein Gruß vom Klavier: Wenn die neuen Zeiten anbrechen

Herzlich willkommen

an alle Neuankömmlinge in diesem Kreativtum-Abo und danke an Euch für die wertschätzenden Rückmeldungen der letzten Tage. Ich freue mich sehr über jede und jeden von Euch, die Ihr hier mitlest.

Nach dem umfangreichen Lesestoff der letzten Woche gibt es heute Musik. Der Song „Wenn die neuen Zeiten anbrechen“ begleitet mich schon seit Jahren. Bei einem Live-Auftritt neulich wurde er vom Publikum eingefordert und mitgesungen – offenbar singt er Menschen aus dem Herzen.

Bisher gibt es eine Studio-Aufnahme mit Flügel und Gesang aus dem Jahr 2017. Seit geraumer Zeit schwebt mir eine andere Version, ein anderes Arrangement, eine andere Produktion vor. Als ich mich vor ein paar Tagen damit zu befassen begann, führte das zu der Einsicht, das Wort „Zauber“ im Refrain auszutauschen. Es fühlte sich nicht mehr zeitgemäß an, sowohl mein Innenleben, als auch die Welt im außen betreffend.

Aus

Dies ist jener Augenblick, von dem wir später sprechen
Dies ist jener Zauber, wenn die neuen Zeiten anbrechen

ist geworden:

Das hier ist ein Augenblick, von dem wir später sprechen
Das ist das Vertrauen, wenn die neuen Zeiten anbrechen

Und wie das klingt, bekommt Ihr zu hören: Es gibt heute ein Video für Euch, das nach ein paar Experimenten (was ein Geduldspiel, bis ich die Kamera da hatte, wo ich sie haben wollte!) an jenem Klavier entstanden ist, von dem ich in meinem letzten Update erzählt habe. Die Entstehungsgeschichte gibt es weiter unten als Nachschlag für Euch in Lesestimmung.

Hier zunächst das Live-Video mit…nennen wir es authentischem Werkstatt-Charakter. Den ersten und dritten Refrain singe ich mit dem neuen Text, in der Mitte singe ich versehentlich die alte Version. So habt Ihr den direkten Vergleich.

Was gefällt Euch besser?


Noch ein bisschen in Lesestimmung?

Dann geht die Hintergrundgeschichte des Klaviers für Euch so:

Sieben Jahre alt dürfte ich gewesen sein, als meine Familie ein Klavier anschaffte – gebraucht, schwarz und so alt, dass die zwei Stellen an der Vorderseite auf Kerzenhalter schließen ließen. Dem vorausgegangen war, dass meine Grundschullehrerin und spätere Förderin Frau Könekamp meinen Eltern dringlich ans Herz gelegt hatte, meine Musikalität nicht länger pustenderweise auf der C-Flöte, sondern nunmehr über die Tasten fegend zur Entfaltung kommen zu lassen.

Was bin ich bis heute dankbar dafür.

Für mich war dieses in die Jahrzehnte gekommene Klavier, so gebrechlich es auch sein mochte, was für andere Kinder deren Haustiere waren. Ein Ausgleich. Ein Herzensgefährte. Ein Ventil nach den (vielen!) frustrierenden Schultagen. Eine verständnisvolle, bedingungslose Liebe, die immer da war und Trost spendete.

Als sich die Lebensumstände unserer Familie durch die Scheidung meiner Eltern veränderten, versicherte uns der Klavierhändler: Einen weiteren Umzug würde das Klavier keinesfalls überleben. Ob das nun stimmte oder nicht, ich musste es hinnehmen und mich mit einem elektronischen Klavier arrangieren. Das erwies sich schon nach kurzer Zeit weniger als Trostpflaster und mehr als Gelegenheit, fortan sogar des Nachts spielen und komponieren zu können.

Es blieb bei einem elektronischen Klavier als Lösung für meinen Lebenswandel, zumal: In meinen zwanziger Jahren befand ich mich mehr im Ausland als in Deutschland und immer irgendwie auf der Durchreise. Auffällig aus heutiger Sicht, dass ich während meiner vielen USA-Aufenthalte immer ein Klavier in meiner Nähe wusste gleich einem Anker heimischer Anbindung.

So praktisch sich mein digitales Klavier hinsichtlich Aufnahmemöglichkeiten bis heute erweist – für mich war immer klar, dass ich irgendwann wieder ein echtes Klavier beherbergen würde.

In den letzten Wochen machten das gleich mehrere glückliche Umstände plötzlich und endlich wahr. Einer davon war die Möglichkeit, in meiner geliebten Buchhandlung Scheuermann einen Aushang anzubringen:

Auf die Idee gekommen war ich, weil mein Vater früher in einem Seniorenheim gearbeitet und ich auf diese Weise mitbekommen hatte, dass Angehörige im Zusammenhang mit Lebensabenden und Wohnungsauflösungen häufig vor der schwierigen Frage stehen, was aus dem Klavier von Tante Berta oder Opa Willi werden soll.

Denn Klaviere sind, wie ja auch dieser Text erkennen lässt, eine sehr emotionale Angelegenheit. Wenn es irgend geht, gibst Du so ein Instrument nicht einfach weg oder verscherbelt es gar. Möglicherweise war es über viele Jahre Teil Deiner Familiengeschichte und ist aufgeladen mit Leben und Liebe.

Ich wiederum mochte die Vorstellung, dass ich in absehbarer Zeit nicht nur in den Genuss eines echten Klavieres kommen, sondern damit auch zu einem neuen Zuhause werden würde für ein zurückgebliebenes Instrument.

Drei Menschen meldeten sich auf den Aushang in der Buchhandlung. Das erste Klavier erwies sich als zu groß und teuer, wenn es auch eine schöne Begegnung ermöglichte. Das zweite war in schlechter Verfassung. Beim dritten Kontakt handelte es sich um eine Familie, deren geliebte Ehefrau und Mutter erst vor wenigen Jahren verstorben war. Den Erzählungen nach eine wundervolle Frau. Nach Rücksprache mit seinen Kindern bot mir der sehr freundliche Herr schon am Telefon an, das Klavier seiner Frau zu besichtigen, anzuspielen und bei Interesse geschenkt zu bekommen. Er vermutete, dass wohl gewisse Kosten auf mich zukämen, um das Klavier nach all den Jahrzehnten in einen Zustand zu bringen, der mir nachhaltig Freude bereiten würde.

Es war Liebe auf den ersten Blick beziehungsweise auf den ersten Klang. Das Familienleben hatte seine Spuren hinterlassen – von dem ein oder anderen Kratzer über diverse kleine Farbsprenkler bis hin zu dem Pfennig-Stück unter einer Taste, das später beim Stimmen des Klaviers zum Vorschein kam. Genau diese Spuren haben das Klavier zu mir geführt. Berührt bin ich von dieser Fügung, diesem Vermächtnis.

Jetzt, wo der Klavierstimmer da war, nähern wir uns an. Sowas braucht seine Zeit. Als unser Freund Wolfgang von dieser Geschichte erfuhr, zog er den vorsichtigen Vergleich mit einer neuen Liebesbeziehung. Das trifft es schon ganz gut.

In den Tagen, nachdem der Klavierstimmer da war, fiel mir ein schnarrender Ton auf. Um nicht untätig den nächsten Termin abwarten zu müssen, habe ich mich gestern daran gewagt, es dem Klavierstimmer gleich zu tun und die Holzverkleidung abzunehmen. Auf diese Weise hatte ich Zugriff auf besagte Saite. Zwei Wattestäbchen später habe ich eine Lösung gefunden, mit der der Ton nun erst mal nicht mehr schnarrt und ich Euch ein erstes Video aufnehmen konnte.

Vielleicht werde ich in meinem nächsten Leben Klavierbauerin. Oder ich mache in den nächsten Jahren mal ein Praktikum bei einem Klavierbauer, um mehr über die Mechanik dieser Instrumente zu begreifen. Echte Wunderwerke. Und irgendwie auch tröstlich, dass der Mensch nicht nur Autos und Waffen, sondern auch so etwas zu erschaffen imstande ist.

Der Klavierhocker ist übrigens immer noch der Hocker von damals.

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